Winterbegehung – Kastengrat

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Der gute alte Kastengrat ist von der Rudolfshütte die sofort ins Auge stechende beeindruckende Linie, die nicht enden wollend gen Süden zieht, bis der Grat am Eiskögele ein Ende nimmt. Schroff steht diese schöne Formation in den Himmel und bot uns beim Zustieg zum Biwak mit dem Abendlicht beschienen ein eindrückliches Bild. Majestätisch im Kleid des Hochgebirgswinters verzaubert strahlt er und wirkte wie zur Ruhe gelegt, irgendwie kostbar und auf eine gewisse Art und Weise unantastbar. Wir überlegten zweimal ob morgen wirklich der richtige Tag sei diese Ruhe zu stören und ob wir es wagen sollten etwas optisch scheinbar Unantastbares zu ertasten.

In unseren Köpfen sponnen sich die Gedanken: ist zuviel Schnee, ist es zu kalt, sind wir fit genug, was brauchen wir an Material, wohin kann man flüchten wenn was in die Hose geht, ist es überhaupt möglich…beginnen in mir die unzähligen Fragen zu arbeiten ist das ein Zeichen, dass es sich um ein größeres Unterfangen handelt. Wenn ich mir Tags zuvor, schon beim aufs Klo gehen Atembeschwerden einrede und mir die Wasserflasche vor eingebildeter Schwäche schwerer vorkommt wie sonst dann ist nur einem Fakt zu trauen, es steht eine Herausforderung für den nächsten Tag am Programm.

Eva, Wolfi und Ich starteten in aller früh in Richtung Medelzkopf mit der Feststellung, dass es im Stockdunklem und im totalen Weiß schwer ist Konturen ausfindig zu machen, wodurch wir gleich mal 100hm zu weit abstiegen…Das kann ja mal heiter werden, aber die Orientierung sollte bei Licht und direkt am Grat dann doch recht logisch werden.

Auf dem Grat lag teilweise überraschend viel Schnee, naja kein Wunder war es doch gerade Mitte Jänner. In teils mühsamer Stapferei ging’s aufwärts was dem Vorwühler den heroischen Spitznamen die Wühlmaus eintrieb.

Es ging reibungslos oder physikalisch korrekt eben mit ausreichend Reibung dahin und wir kamen gut voran. Als ich mich bei einer Kletterstelle für die Sommervariante auf der Nordostseite entschied mussten wir feststellen das die Temperaturen im Schatten doch empfindlich zu kalt waren für diffizile Plattenstellen und wir versuchten es auf der sonnigen Südwestseite was einem gefühlten Temperaturunterschied von 100Grad entsprach.

Der Weiterweg war geziert von einigen Mixedstellen und vor allem viel Stapferei in atemberaubender Kulisse und in totaler Ruhe. Beim Eiskögele angekommen traten wir gleich den Rückweg um den Johannesberg an, für eine gemütliche Gipfelrast war es erstens zu kalt und zweitens keine Zeit.

Bei der Ödwinkelscharte angekommen ging die Sonne gerade unter. Es stand nur noch die Abfahrt zum Ödwinkelkees vor uns, was noch einmal Umsicht von uns verlangte. Einzeln fuhren wir die teils befüllten Hänge hinunter. Das Gelände wurde flacher und wir suchten uns im Licht der Stirnlampe den schnellsten Weg ins Tal. Eine Steilstufe lag noch vor uns, Wolfi rutschte vor um sich einen Überblick zu verschaffen, als plötzlich seine vor uns sichtbare Stirnlampe samt ihm mit Discogewirbel acht Meter tiefer stürzte. Nach einer kurzen Schrecksekunde gab er Entwarnung „alles ok da is a Eisfall“. Eva überlegte nicht lang, rutschte aufs eis …flutsch entschied sie sich ebenfalls für die Expressvariante nach unten. Nun lag zwischen uns und einem warmen Bett nur noch gemütliches Gehgelände.

Kurz vor dem Erreichen der Talstation schallte uns schon ein Aprè ski Hit nach dem anderen entgegen. Wir bestellten uns Johannesbeersaft mit warmem Leitungswasser und empfanden diese pulsierende und hochprozentige Balzstube als ein skurriles Ende unserer einsamen und ruhigen Bergtour. Die Grenze zwischen Einsamkeit, Abenteuer und dem alltäglichen Wahnsinn des Lebens ist in unserem dicht besiedelten Land im wahrsten Sinne des Wortes nur ein scharfer Grat.


Fakten

Ausrüstung: neben einer “normalen” Gratausrüstung, einige Schlaghaken, Steigeisen und ein Pickel/Person und mini Biwakausrüstung

Kastengrat III
Alpenvereinskarte Nr. 40  Glocknergruppe
Siehe auch AV Führer Glockner- und Granatspitzgruppe, 11. Auflage 2011