Alpinkader Expedition nach Kirgistan

Entbehrung, verlorenes Gepäck und gefundenes Glück bei gemeinsamen, bewegten Momenten im einsamen Surmetash Valley.

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Eine Expedition ist gerade durch die Reduktion auf die elementaren Dinge und aus dem Verlust des oft „Zuvielen“ des normalen Alltages ein Gewinn. Gemeinsam draußen sein – atmen, essen, bewegen – einfach leben. Eine Quelle reichhaltiger Erfahrungen, eine Bereicherung durch dieses bewusst gewählte Entbehren von Vielem, wobei unsere Taschen einzeln gesehen vermutlich noch immer mehr beinhalten als der ganze Hausrat einer nahegelegenen Hirtenfamilie. Aus der Position des Überflusses erlebt man schnell etwas als Reduktion, als vermeintlich existenziellen Verlust, auch wenn es nur eine Einzelheit oder ein Grad Celsius Raumtemperatur ist, der weniger wird…der Überfluss bleibt.

Aus umwelt-, gesellschaftlicher-, sozialer- und finanzieller Sicht ist eine Expedition kein vertretbarer Dauerzustand, sondern eher eine individuelle Freiheit von Privilegierten. Eine Ausnahme, eine Besonderheit, ja ein Luxus, den in aktuellen Zeiten mit gutem Gewissen nachzugehen noch vertretbar ist? In mir formuliert sich zu dieser Frage ein eindeutiges Jein und der Nachsatz zur vollständigen eigenen Verwirrung: „Es kommt auf das Wie und die Häufigkeit an!“. Diese Frage, entschied ich, im Sinne eines guten eigenen Wohlbefindens, nicht evidenzbasiert zu ergründen, sondern bediente mich der, wenn auch teils verhängnisvollen aber auch angenehmen, menschlichen Fähigkeit des Verdrängens und bestärkte mich letztlich durch das österreichische, fatalistische Motto „Wird scho passn!“.

Ziel der Reise

war Kirgistan (Hauptstadt Bischkek, 6,5 Millionen Einwohner, Fläche ca. doppelt so groß wie Österreich, 90% der Fläche ist über 1500 m Seehöhe), ein dünn besiedeltes, gebirgiges Land, welches von Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und China umgeben ist. Seit dem Zerfall der UdSSR 1991 ist Kirgistan ein mehr oder weniger unabhängiger, demokratischer Staat. Das Land wirkte auf mich wie eine Mischung aus russisch-kommunistischem und mongolisch-asiatischem Einflüssen.. Die Menschen haben daher ein sehr vielschichtiges Aussehen. Die Wohnform reicht vom Plattenbau bis hin zu nomadisch organisierten Jurten. So wechseln sich auch Anschriften auf Russisch mit Kirgisisch einander ab oder russisch orthodoxe Glaubenseinrichtungen stehen neben islamischen Moscheen. Monumentale bronzene Figuren vergangener „Helden“ und riesenrote Landesflaggen stehen neben Lehmhütten und Jurten der Nomadenkultur in karger, meist trockener, nicht enden wollender gebirgiger Landschaft. 

Riesengroße kirgisische Fahnen stehen wahllos erscheinend in karger Landschaft. © Timo Moser

Traditionelles kirgisisches Fladenbrot. © Timo Moser

Letzte Besorgungen in Osh am Basar. © Timo Moser

 

Schon bei den ersten Erkundungstouren in Osh zeigten sich die Kirgisen als wahnsinnig offene, interessierte und herzliche Menschen. Als Tourist wird einem hier mit unglaublicher Neugierde und Offenheit begegnet, ein Umstand, den man von Zuhause anders kennt. Die Leute sprachen uns nicht nur aktiv direkt auf der Straße an, sondern nahmen sich auch mal kurz eine Auszeit von der Arbeit, um uns den gefragten Ort in 10-minütiger Entfernung persönlich zu zeigen. Eine Seltenheit oder gar eine Unvorstellbarkeit, dass einem dies in Österreich passiert? Der Umgang mit Zeit und dem Miteinander schien hier einen anderen Stellenwert zu haben.

 

„Durch das Du (Kirgisen) erkennt man das eigene Ich (Österreicher), wodurch mir unsere getaktete und anonymisierte Gesellschaft ein Stück weit vor Augen geführt wurde.“

 

 

 

Da wir alle Sechs, ausser eine meiner Taschen, in Osh landeten, erhöhte sich die schon erwähnte Reduziertheit oder anders gesagt, reduzierte sich der materielle Fundus nochmal um ein Eizerl. Schlussendlich überraschte es mich, wie gut wir das nicht angekommene Material kompensieren konnten und wie viel weniger auch noch reicht – “Genug ist nie Zuwenig”! Naja eine lange Unterhose besorgte ich mir noch in der Damenabteilung in Osh, dann ging’s los.

Reisen dieser Art sensibilisieren einen nicht nur wieder auf das Existenzielle, sondern zeigen einem auch, wie anders „das Leben leben“ sein kann. In unversicherbarer Art und Weise zeigt solch eine Unternehmung, dass alles im Leben kommt, was kommen soll, und zwar meist anders als gedacht und geplant.

 

Expeditionsstart

Somit starten wir gepäcksreduziert, Straßen vermurt, Basislagerort verschoben und Zustiegsbrücke gebrochen unser Abenteuer. 

Basislager im Surmetash Valley. © Timo Moser

Dank Zuversicht, Kreativität und Flexibilität im geistigen Gepäck genossen, litten, erfreuten, ertrugen und erschlenderten wir uns so manche Tour und Gipfel im Pamir Alai Gebirge bzw. Surmetash Valley. Alles war irgendwie anders und anstrengender als am Schreibtisch geplant, aber dadurch auch um vieles lebendiger. Es war rückblickend aufgebaut wie eine gelungene Geschichte. Ein Start mit viel Ungewissheit, dem wir mit tragischem Optimismus begegneten. Wir erlebten überraschende Wendungen, Momente der gefühlten Ausweglosigkeit, gefolgt von Momenten des erfüllenden Gelingens. Zeiten körperlichen Hochgefühls wechselten einander ab, mit Zeiten, bei denen man über einem Erdloch, dehydriert, erschöpft und mit brummendem Schädel hockelte.

Aufstieg in wundervoller Morgenstimmung. © Timo Moser

Gipfelgrüße von 5200m © Timo Moser

 

Spätestens jedoch nach ein paar Tagen der kulinarischen Verpflegung von Kirill (spasiva!) im Basislager gewann letztlich das Hochgefühl die Oberhand. Nach eindrucksvollen vier Wochen sackelten wir alles zusammen und ab ging’s zu dem Wesentlichsten im Leben, zu unseren Familien und Freunden. Bergsteigen ist und bleibt für mich die schönste Nebensache der Welt. 

Expeditionsgruppe v.l.n.r Andi, Kollege vom Fahrer, Anna, Kirill, Smat (Fahrer), Timo sitzend Sevi, Mike und Matthias. © Timo Moser

 

Danke..

euch Fünf für die gemeinsame Zeit, die wir verbrachten, die Möglichkeit euch das eine oder andere zeigen zu können und einiges von euch zu lernen. Danke fürs aufeinander schauen und das gesunde Zurückkommen. Danke für die Unterstützung der IMTC Travel Agentur, insbesondere durch Margarita und Kirill für die kulinarische Verwöhnung. Danke letztlich an die Sponsoren für das hochwertige Material.

 

Infos zu unseren durchgeführten Touren:

Peak 5200m

(Northwest Peak of Sauk Dzhaylyau Center, GPS N39.759323, E71.943772) South Side, left ice couloir, 500hm ice Gully W2 and 2 pitches 4a, nothing in suit, in “world topo map” its wrongly the highest Point.

Decent: abseiling on abalakows.

Material: 4x ice screws, 1x ice axes/person, small Friendsortiment

 

Peak 5230m

(Sauk Dzhaylyau Center, GPS N39.760189, E71.947811) South Side, right ice couloir

 

Peak 4970m

(GPS N39.747555, E71.946715) East Ridge, 400 m, 4c.
Decent abseiling north Ridge and then abseiling over the east-snow-slope to the ABC.

 

 

Attempt on Peak 4701 m EypcyH

(GPS N39.830931, E71.918785), Southeast Ridge, very poor Rock, decent in the same way as up.

 

Attempt on 4,866m russian Route

(GPS N39.766568, E71.935526) We climbed 2 pitches, returned and drilled therefore one Bolt for abseiling.

Link: http://publications.americanalpineclub.org/articles/13201213633

 

„Why Not“ on Peak

(GPS N39.795151, E71.944324) 6b, 250m, 6 pitches, after 6 pitches 200m easy (I-II) to the top. Nothing in suit, 2x #0,3-#2, some Nuts

Decent: easy walking straight upwards about 150 m and then travers down.

 

„Austrian Direct“ on the Naturfreunde Pillar

(GPS N39.751431, E71.999237), 450 m, ~6c (6b/A1), 9 Pitches

Great granit climb, with a steep middle section and some fabulous cracks.

Protection: one M8-Bolt (A4/ 80mm) on every Belay-station. Starting Point is marked with a bolt.

Decent: for abseiling in suit one bolt or drop out and decent by foot.

Material: 60m Double Rope, 1x microfriends #000-#2, 3 pieces Offsetcams, 2x Camalots #0,3 – #3, 1x Camalot #4, Camalot #5 (not totally necessary), nuts, Pitons&pecker not needed or just 3-
5 pieces.

Bivi: after 6 pitches a medium quality ledge or a very good bivi-place (flat Tennis-court size) on top of Naturfreunde Pillar.

 

 

Tyrolean traverse

prepared with one 60m static Rope just on two blocs fixed, located here
N39.803541, E 71.953147 – We removed it again. Rivercrossing can be difficult in Summer/high temp and two bridges were broken 2022.

 

 

Unterstützt wurden wir von:

Mountain Equipment, Grivel, Beal, Bergfreunde, IMTC travel, Alpinistengilde, Naturfreunde, Hydro flask

 

 

Links vergangener Expeditionen:

https://risk.ru/blog/205615
http://publications.americanalpineclub.org/articles/13201213633